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Götter für Ostfriesland

Westerkamp arbeitet für eine Security-Firma. Sein neuester Job verwickelt ihn in schmutzige Geschäfte um antike Schätze. Er ahnt nicht, wie schmutzig. Westerkamps Nachbarin ist Lehrerin und muss sich gegen eine perfide Kampagne zur Wehr setzen. Sie ahnt nicht, wie perfide. Anwältin Marilene Müller ermittelt. Doch dann erhält sie einen rätselhaften Brief: »Du kannst sie nicht alle schützen ...« 

Ein Roman um Antikenhehlerei, ein illegales Kind und einen Stalker, der nicht aufgibt:


Leseprobe:

Schwer zu sagen, wer an jenem Morgen zuerst aufwachte.

     War es die Amsel, diese eine, die irgendwo leise zwitscherte, den neuen Tag zu begrüßen? Kaum mehr als ein Flüstern zunächst, hallo, hallo, ist denn da wirklich noch gar niemand wach?, dann hartnäckiger, lauter, raus aus den Federn mit euch!, und endlich ertönte hier und da ein zögerliches Tschilpen aus sicherlich jungen Kehlen, schnell lauter werdend und fordernd, das Geschrei, dem die Alten nie etwas entgegenzusetzen haben, bis schließlich die ganze Schar krakeelte, dass es eine wahre Pracht war. Dabei war es noch nicht einmal hell, nur eine Andeutung von lichterem Grau war mit viel gutem Willen erkennbar, doch bald schon würde das strahlendste Blau den Himmel überkommen und ein ungetrübter Frühlingstag anbrechen.

     Oder war es der Pendler am Anfang der Straße, der schlaftrunken mit der Hand nach dem Wecker schlug, sich aus dem Bett wälzte und nach einem neiderfüllten Blick auf seine leise schnarchende Frau ins Bad wankte? Der seine Morgentoilette mit halb geschlossenen Augen absolvierte, bis die Rasierklinge ihm in die Wange fuhr, ein rotes Rinnsal im weißen Schaum hinterlassend – und wo, verdammt, war der Alaunstift? Der sich zu guter Letzt mit ins Gesicht gepappten Klopapierschnipseln behalf, bevor er Unterwäsche und Socken anzog, Hemd und Anzug, alles ordentlich von seiner Frau bereitgelegt wegen seines Talents, farblich danebenzugreifen. Nur nicht die Schnipsel vergessen, nachher im Auto, beschwor er sich, es wäre nicht das erste Mal, dass er den Kollegen Anlass zur Häme bot. Die Haare noch, dann stieg er auf Zehenspitzen die Treppe hinab, nur die knarrende Stufe betrat er absichtlich mit seinem ganzen Gewicht. Er wusste, seine Frau würde unwirsch vor sich hinmurmeln, sich umdrehen und weiterschlafen. Er erreichte die Küche und stellte die Kaffeemaschine an.

     Oder waren es die Mütter, die in dieser Straße wohnten und aus ihren Betten schnellten, als hätten sie nicht seit Jahren zu wenig geschlafen? Binnen Sekunden von null auf Höchstform, ein paar Spritzer Wasser ins Gesicht, Treppensprint, Frühstück machen, bevor das große Chaos einsetzte: Mama, wo ist ...?, Mama, kann ich ...?, Mama, ich brauch ...! Pausenbrote schmieren, Kleidung zurechtzupfen, vielleicht Schuhe schnüren, und mittendrin der Ehemann, ebenfalls auf der aussichtslosen Suche nach diesem oder jenem.

     Die Kinder jedenfalls waren es nicht, denn in dieser Straße wuchs keines ohne Mutter auf. Vierzehn Schulkinder, je nach Alter von Wecker oder Mutter aus dem Bett getrieben, schnell, schnell, schnell, ein Ton wie auf dem Kasernenhof, ab ins Bad und Zähneputzen, dein Vater muss auch noch rein, und zwar plötzlich. Schultaschen, die eines Sherpas bedurften, wurden polternd die Treppen hinabgeschleift, Frühstück verschlungen oder verweigert, und dann setzten all die mütterlichen Ermahnungen ein, die, flögen sie zum Fenster hinaus, einen unermüdlichen, doch nicht eben homogenen Chor bildeten, eine absonderliche Mischung aus Opern- und albernem Kinderchor, der gelegentlich abglitt in Kriegsgeheul: Vergiss deine Mütze nicht! Hast du deine Sportsachen, das Referat, die Hausaufgaben eingepackt? So gehst du mir aber nicht aus dem Haus! – beantwortet mit einem genervten »Mann ey«, wenn nicht überhaupt nur mit indigniertem Augenverdrehen.

     Auf jeden Fall war der Pendler der Erste, der das Haus verließ. Er schloss sorgfältig die Tür des Seiteneingangs hinter sich ab, öffnete den Kofferraum des Firmenwagens, warf seine Aktentasche hinein und knallte den Deckel mit Wucht zu, wissend, dass seine Frau davon wiederum nicht richtig wach würde, wohl aber vom prompt einsetzenden Gekläffe des Nachbarhundes, einer veritablen Töle, die neuerdings im Zwinger gehalten wurde. Er stieg in den Wagen, startete den Motor und setzte die Einfahrt zurück. Mit einem Blick in Rück- und Seitenspiegel stellte er sicher, ungehindert auf die Straße einschwenken zu können. Erst letzte Woche war der kleine Streber aus dem Haus am Ende der Straße, der immer viel zu früh zur Schule preschte, ihm mit seinem Rad ins Auto gerauscht und hatte den Zusammenstoß natürlich ihm angelastet. Auf eine Wiederholung der Auseinandersetzung mit dessen Mutter konnte er gut und gern verzichten. Er erreichte die Bundesstraße, die zur Autobahn führte, und gab Gas.

     Als Nächstes waren die Schulkinder an der Reihe. Der vermeintliche Streber verließ zuerst das Haus, nicht weil er es kaum erwarten konnte, in die Schule zu kommen, er war eigentlich eher ein mittelmäßiger, unauffälliger Schüler, sondern weil ihm sehr daran gelegen war, zwei älteren Jungen nicht zu begegnen, und das aus gutem Grund. Kaum war er außer Sichtweite, taumelten die restlichen dreizehn hinaus, wie auf ein geheimes Signal hin. Sie wuchteten ihre Ranzen in die überdimensionierten Fahrradkörbe, sprangen auf ihre Räder und fuhren schlingernd los, sich zu kleinen, vom Alter diktierten Gruppen zusammenrottend, die die gesamte Breite der Straße einnahmen. Ihr Gejohle war weithin vernehmbar und geeignet, eine Vorstellung von Völkerwanderung zu bekommen.

     Zwei, vielleicht drei Minuten später kehrte wieder Frieden ein in diese idyllisch anmutende Wohngegend. Väter senkten für einen Moment die Zeitungen, nur um sich kurz darauf abermals dahinter zu verkriechen, nicht ohne einen Blick zur Uhr, noch war Zeit, drei Minuten, fünf, höchstens zehn, dann mussten auch sie los. Mütter atmeten hörbar aus, setzten sich zum ersten Mal an diesem Morgen auf eine Tasse Kaffee oder Tee an den Küchentisch, und langten, mangels Gesprächspartner, nach einem Teil der Zeitung oder starrten ermattet auf den Toaster, als würde der schon ausspucken, was ihm noch nicht gegeben war, wenn sie nur lange genug warteten.

     So kam es, dass kein Anwohner sah, wie der Mann zum Wagen ging, und jemand, der in den Wagen eines anderen stieg, wäre hier auf jeden Fall beobachtet worden, obgleich er die Autoschlüssel deutlich sichtbar vor sich hertrug, wie um möglichen Verdächtigungen zuvorzukommen. Selbst derjenige, der ihm soeben die Schlüssel übergeben hatte, blieb nicht, um ihm hinterherzuschauen, sondern wandte sich ab und schloss die Haustür. Möglicherweise rettete ihm dies das Leben, zumindest aber bewahrte es ihn vor gravierenden Verletzungen. Denn in dem Augenblick, als der Mann die Fahrertür des Wagens aufzog, detonierte ein Sprengsatz, der ihn regelrecht zerfetzte.

     Die Schockstille nach dem Knall war absolut, bis ein Schrei hinter einem blutbespritzten Fenster anschwoll zu einem Kreischen in nie zuvor erreichter Tonlage, erst dann stoben die Vögel auf und suchten das Weite.


Emons Verlag, Juli 2015

978-3-95451-660-5    €10,90

auch als eBook erhältlich


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Wenn Ostfriesen sterben

Vor fünf Jahren hat Christian Körber ohne ein Wort des Abschieds Lebensgefährtin Lilian Tewes und Tochter Antonia verlassen. Nun hat Antonia einen anonymen Brief entdeckt, aus dem hervorgeht, dass er gar nicht ihr leiblicher Vater ist. Als Körbers skelettierte Leiche gefunden wird, begibt sich Anwältin Marilene Müller auf eine gefährliche Suche: nach Lilian Tewes' geheimnisvoller Vergangenheit, nach Antonias leiblichem Vater und nach Christian Körbers Mörder. Ein psychologisch dichter Kriminalroman, der unter die Haut geht.



Leseprobe:

Der Tanz begann. Breitbach forderte sie gestenreich auf, doch sie schüttelte nur den Kopf. Er gab den Clown, den dicken, verbeugte sich ungelenk vor ihr, sagte etwas, und sie lachte errötend hinter vorgehaltener Hand. Doch dann gab sie auf einmal nach, folgte ihm unsicheren Ganges auf die Tanzfläche und ließ es zu, dass er sie an sich zog, nicht zu nah, noch nicht, doch mit erkennbar festem Griff. Es dauerte ein paar Takte, bis sie ihre Füße sortiert hatten, dann steuerte Breitbach sie geschickt an den anderen Paaren vorbei. Bei der ersten Drehung haperte es noch etwas, die zweite klappte schon recht gut, und sie überließ sich seiner Führung und begann, sich wohlzufühlen, ihre Schultern strafften sich, und ihre Augen strahlten. Sie wirkte eifrig wie ein Kind, das zum ersten Mal Fahrrad fährt, und erhitzt, I fell into a burning ring of fire, schneller, die Band zog das Tempo an, und trotzdem kam sie mit, geriet nicht ein Mal ins Straucheln, als habe der Alkohol ihr Flügel verliehen, I went down, down, down, and the flames went higher, die Atmosphäre schien zu knistern. Breitbachs plumpe Hand ruhte auf ihrem Rücken, natürlich Breitbach, bei ihm konnte sie sich sicher fühlen, würde sie denken, die Dicken stellten niemals eine Gefahr dar, waren ja so genügsam und gemütvoll, und wenn nicht – einerlei, sie genoss sichtlich den Augenblick, und es schien ihm fast, als geschehe dies zum ersten Mal in ihrem Leben.

     Ein Tusch, und sie lösten sich voneinander. Verhaltener Applaus hob an, bevor schon das nächste Stück einsetzte, hart und schnell diesmal, Sympathy for the Devil, zu wahr, um schön zu sein. Die Tanzfläche leerte sich fast vollständig, das Lied nichts, worauf sich schwofen ließe, und Breitbach und sie tanzten nun jeder für sich. Freilich gab Breitbach eher vor zu tanzen, wie er mit den Füßen auf den Boden tappte, halbherzig im Wechsel die Hände hob, ein schwitzender Bär, der als Zirkusattraktion nicht taugte. Sie hingegen schien in ihrem Element: nicht Wasser, Feuer! Sie warf die Arme in die Luft und stampfte mit den Füßen, wirbelte um ihre Achse herum und herum, ein eitler Derwisch, ihr Haar eine wehende Fahne von flüssigem Gold, tanze, Gerda, tanze, tanz die ganze Nacht, er konnte den Blick nicht lösen, sich nicht sattsehen an ihrer Darbietung und war ganz und gar hingerissen.

     Er war nicht der Einzige. Die Männer begannen zu starren, Gier in den Augen, und die Frauen wandten sich kopfschüttelnd ab. Die Aufmerksamkeit, die ihr zuteilwurde, musste jeden Plan vereiteln, und nun kam Kelling ins Spiel, zu retten, was noch zu retten war. Eine Handbewegung in Richtung Band genügte, und sie wechselte abrupt zu etwas Langsamem, I will always love you, ein Hohn, denn Liebe war es nicht, was sie im Sinn hatten. Dennoch glitt sie wie selbstverständlich in Kellings Arme, und dieser Tanz war so unschicklich wie der vorige. Seine rechte Hand glitt tiefer und tiefer ihren Rücken hinab, er vergrub seinen Mund in ihrer Halsbeuge, und sie kam ihm arglos entgegen, schmiegte sich an ihn, der in ihren Augen das große Los sein musste, verglichen mit Breitbach jedenfalls.

     Allmählich füllte sich die Tanzfläche wieder, und beinahe hätte er verpasst, wie Kelling ihr auf den Fuß trat. Sie stürzte. Die anderen Paare wichen zur Seite, und jetzt hatte er wieder freie Sicht. Sie lag gekrümmt auf dem Boden und hielt sich den Knöchel. Jetzt könnte er noch einschreiten, überlegte er, Kelling einfach zur Seite schieben und sie nach Hause bringen. Doch danken würde sie ihm das nur, wenn er ihr erzählte, was die beiden mit ihr vorgehabt hatten. Würde sie? Würde sie ihm überhaupt glauben? Er ließ den Moment verstreichen. Sie hatte nicht nur eine Chance gehabt und keine genutzt.

     Kelling winkte Breitbach herbei, und gemeinsam halfen sie ihr auf und stützten sie auf dem Weg nach draußen, in die Klinik, wie Kelling behauptete.

         War sie zu betrunken, um zu begreifen, wie ihr geschah? Würde sie sich wehren, überlegte er, oder angstvoll Folge leisten? Vor morgen früh würden sie sie nicht gehen lassen, wusste er, und fast tat sie ihm leid. Doch letztlich war sie selbst schuld. Wenn sie ihn ein einziges Mal richtig angesehen hätte, statt durch ihn hindurch. Wenn sie nur auf einen seiner Briefe reagiert hätte. Er hätte sie niemals den Wölfen zum Fraß vorgeworfen.


Emons Verlag, Oktober 2013

ISBN 978-3-95451-194-5

€ 10,90

auch als eBook erhältlich

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Spur nach Ostfriesland

Die Buchhändlerin Franziska Eising verschwindet spurlos. Während sie in einem Keller verzweifelt um ihr Leben kämpft, ermittelt die Polizei in ihrem persönlichen Umfeld. Gibt es einen Zusammenhang mit einem früheren Vorfall an ihrem Arbeitsplatz? Steckt ihr Arbeitgeber dahinter? Oder eher ein Kunde, der Wunsch und Wirklichkeit verwechselt? Erst ein Mordanschlag in Ostfriesland eröffnet neue Perspektiven, und abermals gerät die Anwältin
Marilene Müller in höchste Gefahr ...



Leseprobe:

Plötzlich, wie aus dem Nichts, legte sich eine Hand über ihr Gesicht, sie versuchte, sie abzuschütteln, unwillig nur, doch es misslang, und jetzt stolperte ihr Herz einen wilden Galopp und ihr gaben die Knie nach, schwach, so schwach, doch der Mann fing sie auf, umklammerte Oberkörper und Arme mit schraubstockähnlichem Griff, wo kam er nur her, sie musste den Fahrstuhl überhört haben, wie dumm, wie unsäglich leichtsinnig von ihr, er zerrte sie zurück in ihre Wohnung, und sie nahm das Leder seiner Handschuhe wahr und wie ihre Füße über den Boden schrubbten, bekam keine Luft mehr, einer Ohnmacht nahe, ohne Macht, ihre Hände flogen hinauf, reichten nicht an seine heran, schon war die Wohnungstür weit entfernt, sie sah sie, wie durch einen Tunnel, und auf einmal nahm er die Hand fort und sie konnte wieder atmen, könnte schreien, wenn sie nur genügend Luft bekäme, und dann ist die Balkontür offen, eisigkalt, doch sie friert nicht, wie seltsam, sie sieht sich zu, als stünde sie neben sich oder sei nicht länger von dieser Welt, folgerichtig, denkt sie, es hat so enden müssen mit ihr, und beinahe triumphiert sie bei dem Gedanken, dass sie die ganze Zeit über recht gehabt hatte, sie wehrt sich nicht, als er sie nach draußen stößt, und auch nicht, als er sie auf die Balkonbrüstung hievt, woher nimmt er die Kraft, sie schließt ergeben die Augen und spürt, wie er ihr einen fast spielerischen Schubser versetzt, sie schreit nicht, nur ein winziger Seufzer entkommt ihren Lippen, und dann breitet sie die Arme aus und fliegt davon, ganz leicht, Sterben ist ganz leicht.

Erschienen im Emons Verlag, September 2011

978-3-89705-859-0   € 10.90

auch als eBook erhältlich

Den Prolog finden Sie als Live-Mitschnitt einer Lesung unter Video. (Doppelklick für Vergrößerung)

  

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Autorentod

Die Anwältin Marilene Müller freut sich auf ein Wiedersehen mit ihrer Jugendfreundin Rosalie Jessen und ist entsetzt, als sie erfährt, dass sie erschossen wurde. Sie findet heraus, dass Rosalie Kinderbuchautorin war, etwas, wovon ihre Familie angeblich nichts gewusst hat, und auf ein Plagiat ihres ersten Romans gestoßen ist. Aber soll darin ein Motiv für Mord liegen?

Es ist der heißeste Sommer seit Jahren, und plötzlich sterben Schriftsteller wie die Fliegen. Sie hatten eines gemeinsam: Sie haben Plagiate ihrer Arbeit entdeckt. Auf einem Sommerfest des Schriftstellerverbandes kommt Marilene zu Ohren, dass im Internet Exposés angeboten werden. Und sie hört einen Namen: Ideefix.

Hauptkommissar Jens Hartmann und seine Kollegen können den Zusammenhang zwischen den Todesfällen nicht länger ignorieren. Wer ist Ideefix, und woher bezieht er die Manuskripte? Ist er der Täter oder lediglich der Anstifter zum Mord? Sie finden zwar belastende Indizien bei den Autoren, die mittels der angebotenen Texte ihre Schreibblockaden zu überwinden suchten, aber dennoch scheint ihnen die Angst vor Bloßstellung als Motiv nicht überzeugend. Sie beschließen, einen Lockvogel einzu-
setzen ...



Ein Roman über Schriftsteller und ihre Sucht, ihre Sehnsucht, ihre Besessenheit, über das, was sie treibt, manchmal über jedes Maß hinaus. All dies in der gnadenlosen Hitze eines Sommers, an dessen Ende nichts mehr so sein wird, wie zuvor.
 


Erschienen im März 2010 bei Emons

ISBN 978-3-89705-725-8


Leseprobe:

Prolog

Wo zum Teufel blieb der verdammte Postbote? Seit Tagen schon kam er ständig zu spät, und wenn es sich um einen jüngeren, ansehnlicheren Mann handelte, würde er möglicherweise annehmen, er wäre regelmäßig zu Gast im Bett einer der unausgelasteten Muttis, die diese Straße säumten. Aber der? Undenkbar. Er trommelte ungeduldig mit den Fingern auf die Schreibtischplatte. Jahrelang, so schien es ihm, war er pünktlich genau dann aufgetaucht, wenn er gerade seine Morgenzeitung zusammenfaltete, allerspätestens, wenn er den Computer hochfuhr. Jetzt jedoch war es gleich elf, Sina käme jeden Augenblick zurück, und all seine Manöver, sie aus dem Haus zu haben, wären vergeblich. Herrgott noch mal! Konnte man sich denn auf gar nichts mehr verlassen?

     Er brauchte den Umschlag. Heute. Jetzt sofort. Bevor Sina auftauchte und Fragen stellte, was sie unweigerlich tun würde. So leicht entging ihr nichts, und schließlich könnte er nicht gut behaupten, dass ein Einschreiben belanglose Werbung enthielte. Hatte sie Verdacht geschöpft, vorhin, als er, die leere Rasierwasserflasche schwenkend, zum Frühstück erschienen war, ob sie wohl so nett wäre ... Hatte sie den Pegel ebenso im Kopf wie die Frau eines Alkoholikers den Stand in einer Flasche Fusel? Sie hatte sich nichts anmerken lassen, aber das musste nichts bedeuten.

     Und gestern die Briefmarken. Sie war so sicher gewesen, dass noch welche da waren, hatte eine hektische Suchaktion gestartet, doch schließlich klein beigeben müssen: Er hatte sie in der Nacht zuvor mit kindlichem Vergnügen verbrannt. Am Montag war es die Milch gewesen. Sie hatte verwundert festgestellt, dass sie am letzten Karton angelangt war, und für den Mittag eine Einkaufstour angekündigt, zu spät natürlich, und so hatte er ihn versehentlich umgestoßen, immerhin auch aufgewischt, Schweinerei, aber sie war tatsächlich sofort losgefahren, hasste Kaffee ohne Milch, Frühstück ohne Kaffee. Sauer war sie gewesen. Nicht misstrauisch.

     Nein, sie hatte keine Ahnung, beruhigte er sich, er war zu gut im Täuschen. Zu geübt. Seit jeher hatte er am Knarzen der Dielen bemerkt, wenn sie an der Tür zu seinem Arbeitszimmer lauschte und sich davonschlich, sobald er auf der Tastatur herumhackte. Ein einziges Mal hatte er darauf verzichtet, so zu tun als ob, er wollte wissen, wie sie reagierte. Sie hatte sich vermeintlich unbemerkt entfernt, nur um mit Getöse wieder aufzukreuzen, ihm einen Kaffee und ein Gespräch anzubieten, was für ihn ungleich schlimmer war, als die Fassade aufrechtzuerhalten.

     Er dachte lieber allein, aber Denken genügte ihr nicht. Es musste auch etwas dabei herauskommen. Nur was? Er hatte keinen Schimmer. Seine Gedanken kreisten den ganzen Tag, unablässig, ließen sich nicht einmal nachts abstellen, ob wachend oder schlafend, Worte schwirrten ihm durch den Kopf und Sätze, die, kaum dass sie vollständig, schon wieder verflogen. Nie ein Thema, eine Handlung. Kein wirkliches Leben. Er war leer, ausgebrannt. Er brauchte den Umschlag, um dieses Tief zu überwinden, war sicher, dass danach alles gut werden würde, für eine Weile. Wie beim letzten Mal.

     Er beugte sich vor, um besser sehen zu können, ja!, endlich watschelte dieser Gnom mit seinem Karren die Straße entlang. Mach hin, schneller, formte er stumm die Worte, die er eigentlich herausschreien wollte, aber er verteilte so gemächlich die Post, als gelte es, diese anspruchsvolle Tätigkeit so lange wie möglich auszudehnen, als zöge er irgendeine obskure Form von Befriedigung daraus, ihn warten zu lassen. Noch drei Häuser. Was, wenn er vorbeiginge, abermals nichts für ihn dabei war? Was, wenn dieser Umschlag nie käme? Noch zwei. Jetzt kam Sinas Wagen in Sicht, bog zu früh, zu flott in die Auffahrt, noch eines, das Tor der Garage öffnete sich, halte bloß kein Schwätzchen mehr, flehte er, und hörte in dem Moment die Wagentür zuknallen, als es klingelte.

     Er stürzte zur Tür und riss sie auf. Der Postbote starrte ihn verdutzt an, bevor er sich wieder fing, »Einschreiben« murmelte und umständlich den Schein hervorkramte. Seine Knie zuckten vor Ungeduld, bis er endlich unterschrieben hatte, den kostbaren Brief an sich drückte, dem Mann die Tür vor der Nase zuknallte und zurück in sein Zimmer sprintete. Keine Sekunde zu früh.

     »Dein Rasierwasser, Schatz«, rief sie unerträglich fröhlich.

     »Nicht jetzt!«, brüllte er, fetzte den Umschlag auf und begann zu lesen, während die Finger seiner rechten Hand sicherheitshalber auf der Tastatur herumspielten.

     Das ist es!, jubelte er innerlich und fragte sich, wieso er nicht selbst auf diese Idee gekommen war, aber es war ja seine, würde sie sein, bald, der Plot war wie auf ihn und seine Fähigkeiten zugeschnitten. Sogar der Stil entsprach exakt seinem eigenen, nicht wie beim letzten Mal, wo er sich tagelang herumgequält hatte, bis er sich von der Vorlage lösen und allein auf die Handlung konzentrieren konnte. Dies würde ungleich leichter sein. Es war geradezu unheimlich, wie gut Ideefix ihn kennen musste, und hier hatte er sich selbst übertroffen.


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Marilenes erster Fall:

Hättest du geschwiegen

Silvie Bauer war jung, hübsch und schwanger. Jetzt ist sie tot, und ihr Lebensgefährte gerät ins Visier der Polizei. Die haarsträubende Geschichte über einen angeblichen Verfassungsschützer, der ihn seit einem Moscheebesuch beobachtet, lässt ihn nicht glaubwürdiger erscheinen. So ausufernd kann auch Terrorhysterie nicht sein. Pure Vernebelungstaktik. Denn er hat kein Alibi. Ein Motiv hingegen schon. Findet Hauptkommissar Jens Hartmann.

Nicht so die Anwältin Marilene Müller, die an seiner Schuld zweifelt, Motiv oder nicht. Sie schlägt Hartmanns ausdrückliche Ermahnungen ebenso in den Wind, wie seine vorsichtigen Annäherungsversuche und stürzt sich in die Ermittlungen, unbesonnen bis zum Leichtsinn. Sie hat nichts mehr zu verlieren, glaubt sie, seit die Liebe ihres Lebens sich verabschiedet hat und will nur noch eins: vergessen.

Wer ist der geheimnisvolle Verfolger, und wen hat er tatsächlich verfolgt? War Silvie das unschuldige Opfer als das sie erscheint? Warum ist ihr Tagebuch verschwunden? Und was geht wirklich in dem Reisebüro vor, in dem sie gearbeitet hat? Je tiefer Marilene im Leben der Verstorbenen gräbt, desto mehr verdichtet sich ihre Ahnung zur Gewissheit, dass Silvie nicht nur ihre Schwangerschaft verheimlicht hat: Es gab mehr als nur einen Mann in ihrem Leben. Und sie war einer kriminellen Organisation auf die Spur gekommen, wenn nicht sogar an ihr beteiligt. Einer Organisation, die vor nichts zurückschreckt und deren Kontakte weiter reichen als Marilene glauben will ...


Leseprobe:

Prolog

Sie hörte die Tür ins Schloss fallen und erschrak. War er zurückgekommen? Sie rief seinen Namen. Keine Antwort. Sie musste sich geirrt haben, als sie angenommen hatte, er sei längst fort. Er war gerade erst gegangen, oder? Sie kontrollierte jedes Zimmer, nur um ganz sicher zu sein. Niemand. Alles in Ordnung. Sie lief zur Eingangstür, vergewisserte sich, dass sie wirklich zu war, und lehnte sich unwillkürlich dagegen, erleichtert, noch einmal davongekommen zu sein.
    Wie verrückt, dachte sie, wie absolut lächerlich zu glauben, sie könnte es länger für sich behalten. Selbst der Gedanke, dass es so besser war, für sie, erschien im hellen Licht des Tages absurd. Sie würde es tun, bald, was sollte schon passieren? Niemand würde aus solch irrationalen Gründen einfach abwarten, den Kopf in den Sand stecken und hoffen, es ginge vorüber. Es würde nicht vorübergehen. Nicht ohne ihr Zutun.
    Der Türgriff bohrte sich ihr schmerzhaft ins Kreuz. Sie nahm es als Zeichen, dieser Schmerz war nichts im Vergleich zu dem, der sie erwartete. Ob du redest oder schweigst, egal, es wird Folgen haben.
    Wenn sie schwiege, und er käme dennoch dahinter, wusste gar womöglich längst Bescheid, denn sie war viel zu leicht durchschaubar, das war ihr klar, das war schon immer so gewesen, wenn sie schwiege, musste er wissen, dass es dafür nur einen einzigen Grund gab, und das wäre ihr Ende.
    Wenn sie redete, nun, das wäre ebenfalls ihr Ende.
    Sie schrak zusammen und erstarrte. Was war das für ein Geräusch? Unsinn, schalt sie sich, da ist nichts, du bist allein, wahrhaftig allein, niemand da, der dir einen Rat geben könnte, niemand da, dem du diese Last aufbürden könntest. Und selbst wenn du das Risiko eingingest, jemanden um Hilfe zu bitten, und er gäbe vor, dir helfen zu wollen, es wäre immer aus den falschen Gründen. Wenn nicht ohnehin gelogen.
    Ausweglos, dachte sie, ich brauche mehr Zeit. Sie ging in die Küche, um etwas zu trinken, da war noch Wein, offen sogar, aber wie sollte sie einen Rausch erklären, nahm schließlich eine angebrochene Tüte Milch aus dem Kühlschrank und trank direkt aus dem Karton. Sie wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und schmeckte Salz. Schweiß. Angstschweiß?
    Sie ging ins Bad, stellte das Wasser der Dusche an und warf die ausgezogenen Sachen achtlos beiseite. Sie würde sich später darum kümmern, später würde sie daran arbeiten, die Fassade aufrechtzuerhalten, für eine kleine Weile noch. Sie trat unter den Wasserstrahl und drehte den Heißwasserhahn so weit auf, wie sie es gerade noch ertrug. Schnell bildete sich Dampf, der wie ein Schleier vor ihren Augen waberte und den Konturen ihrer Angst die Schärfe zu nehmen schien. Sie schloss die Lider und ließ das Wasser über sich strömen. Ich bin nicht hier, stellte sie sich vor, ein anderer Dschungel, ein Dschungel, dessen Kakophonie seltsamer Laute weniger Schrecken barg als dies hier ...
    Das Wasser floss nicht ab. Sie stand knöchelhoch darin, stellte den Hahn ab und stieg aus der Dusche, pulte im Abfluss herum, bis sie ein feines Netz aus Haaren herausziehen konnte, das sie ins Klo warf. Sie trocknete sich ab, streifte einen Bademantel über und machte sich daran aufzuräumen.
    Sie wollte sich gerade neu schminken, als es klingelte. Noch nicht, dachte sie, ich bin noch nicht fertig, habe noch nicht meine unbekümmerte Maske aufgelegt, mein Alltagsgesicht. Überhaupt, wer könnte das sein? Er hat doch einen Schlüssel. War es möglich, dass jetzt schon ... Nein, nicht hier, bestimmt nicht hier, es ist nur er, er hat seinen Schlüssel vergessen. Sie blickte in den Spiegel und versuchte ein Lächeln, kläglich, befand sie und ließ die Mundwinkel sinken, so, viel besser, ganz normal. Es klingelte noch einmal, und ergeben ging sie zur Tür.
    Sie öffnete den Mund vor Überraschung, vergaß ihn zu schließen, trat beiseite, ließ Worte herein, harte Worte, Worte die schmerzten, herausgespien, leise und gefährlich zischelnd, blieb selbst sprachlos, kein Ton, nur Angst, sie hob die Hände vor Abwehr, schüttelte den Kopf, endlich brach es aus ihr hervor: »Ich bin schwanger, ich ...«
    Als könnte sie das noch schützen. Schon schlossen sich Hände um ihren Hals, drückten zu, fester, fester, »ich weiß, du widerliche Schlampe, du«, ihre Augen kamen ihr merkwürdig groß vor, sie hatte das Bedürfnis, sie mit den Händen an ihren Platz zu schieben, aber keine Kraft mehr, nichts mehr, sollte das schon alles gewesen sein? Selbst dieser Gedanke war kaum noch greifbar.